Vom Himmel hoch, da fiel es tief
1724-1824-1924-2024
Horoskop für Dienstag, den 6. August 2024
Und das Sternzeichen des Tages ist heute Waage: Leider stehen die Sterne aktuell nicht gut für dich: Das Ende ist nah! Neueste astrologische Forschungen des zehnten Planeten Eris haben ergeben, dass er als Aszendent für eine überraschende Wende in deinem Leben sorgen wird. Der Weise behält den Himmel stets im Blick: Gibt es gar einen elften, zwölften Planeten?
Nostradamus sagt in seinen bahnbrechenden Centurien, dem VI. Quatrain 98, über diesen Tag: »Statt Mount Everest tut´s vielleicht auch der Langenberg!«
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SIA GROSCHE zählte die Einnahmen des Tages. Nicht der Brüller, so wie seit einigen Monaten. Hoffentlich bewegte sich bald etwas. Ihr Blick fiel auf den Überwachungsmonitor der Außenkamera. Ein Duo aus identischen barocken Amischlitten fuhr vor, im übertragenen Sinne röhrende Hirsche auf vier Rädern mit Hochglanzfelgen. Aus jedem stiegen je zwei Kleiderschränke mit dunklen Anzügen und Sonnenbrillen aus. So spät in die Glückshölle?
Sie beobachtete, wie das Quartett die Halle betrat. Einer stellte sich an die Ausgangstür, die Arme verschränkt, der Nächste vor den Nebeneingang. Jetzt ahnte sie, dass finstere Wolken den Nachthimmel über Bad Arolsen weiter verdunkeln würden. Zum Glück waren so spät nur wenige Hardcore-Gäste da.
Die restlichen zwei Schränke wandten sich stracks an den Barkeeper der Spätschicht, einen ihrer besten Leute. Nicht mehr taufrisch, aber für sein Alter total fit – mit ordentlich Wumms in der geballten Faust. Nichts Gutes ahnend stellte die Spielhallenbetreiberin den Ton der Überwachung an.
»... sag der Grosche, dass wir sie sprechen wollen.«
Der Keeper zögerte. Er hatte die drohende Gefahr erkannt, doch er blieb besonnen: »In welcher Angelegenheit bitte?«
»Geht dich nix an.«
»Bedaure, dann weiß ich nicht, ob Frau Grosche Zeit für Sie erübrigen kann.«
»Hey Leute!«, rief der zweite Schrank laut in die Halle. »Für heute ist Schluss, geht alle nach Hause!«
Ein Kunde rutschte sofort vom Hocker des Glücksspielautomaten und verließ eilig den Laden. Ein anderer maulte: »Kerr, jetzt wo ich eine Glückssträhne habe, soll ich schon ins Bett?«
»Verpiss dich, oder soll ich dir helfen, einzuschlafen?«
Der empörte Stammgast suchte Augenkontakt mit dem Keeper, der wortlos fast unmerklich den Kopf schüttelte. Doch der Geprellte wandte sich wieder an Kleiderschrank eins: »Und wer bezahlt mir meinen entgangenen Gewinn?«
»Welchen Teil von ›verpiss dich‹ hast du verpasst?« Der Muskelprotz holte einen Teleskoptotschläger aus der Hosentasche, ließ ihn ausfahren und schlug hart gegen den Tisch, so dass die Gläser klirrten.
»Schon gut, schon gut, war nur ein Versuch. Ich geh ja schon.« Sein Abgang wäre eleganter ausgefallen, wenn er nicht so abgefüllt gewesen wäre. So schwankte er bei seiner Flucht Richtung Ausgang beträchtlich.
Sobald der letzte Gast die Halle verlassen hatte, wandte sich Schrank eins wieder an den Keeper. »So du Clown. Hol jetzt die Grosche, aber subito.«
»Sie ist nicht hier ...« Weiter kam der Barmann nicht. Kleiderschranks Faust krachte ansatzlos in sein Gesicht. Blut schoss wie eine kleine Fontäne hervor. Der Getroffene schlug die Hände vor den Kopf und klappte nach unten weg. »Meine Nase«, jammerte er.
Wenn Grosche bis jetzt mit dem Gedanken gespielt hatte, sich durch einen Hinterausgang kölsch zu verabschieden, blieb ihr nun keine Wahl - oder sie opferte ihren Keeper.
Sie öffnete die Bürotür zur Halle. »Alles gut Leute, ihr habt gewonnen. Ich habe im Krankenhaus angerufen. Die benötigen etwa fünf Minuten bis hierher. Was wollt ihr?«
Die beiden Kolosse Nummer eins und zwei sahen sich kurz an. Der erste: »Geh du mit dem Clown mit der blutigen Nase vor die Tür und sorg dafür, dass die Sanis gleich wieder abdampfen. Ich kümmere mich um die Schnalle.«
Sein Kumpel zog den stark aus der Nase blutenden Keeper auf die Füße und schulterte ihn mühelos. Wie einen geschossenen Hirsch trug er den Wehrlosen aus der Halle vor die Tür. Dass Blut auf seinen Anzug tropfte, schien ihn nicht zu kümmern. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, rief er nach hinten: »Die Anzugreinigung setzt der Boss auf deine Rechnung.«
Die Spielhallenbetreiberin sah auf den zurückgebliebenen Muskelprotz. Der zückte sein Smartphone: »Boss? Die Grosche ist jetzt gesprächsbereit.« Er ließ es wieder in die Hose gleiten und verschränkte die Arme vor dem mächtigen Brustkorb. Sein grimmiger Blick schien zu sagen: ›Warte nur, bis der Boss kommt!‹
Grosche blieb nichts anderes übrig, als zu warten.
Einige Minuten später öffnete sich die Tür. Gigant Nummer fünf kam mit noch einem Hünen herein. Draußen musste ein Nest sein. Doch offensichtlich war der letzte Riese der Chef, denn alle anderen wichen vor ihm zurück.
»Boss? Das ist Grosche vom örtlichen Inkasso-Unternehmen.«
Der letzte Kleiderschrank glich seinen Leuten wie ein Bruder. Aber Grosche entgingen nicht die feinen Details; es gab einige pikante Unterschiede. Alles an ihm wirkte eine Klasse teurer: der maßgeschneiderte Anzug, die High-End-Turnschuhe, die klobige Uhr, der protzige Goldschmuck. »Können wir uns irgendwie privat unterhalten?« Seine Stimme war zwei Oktaven zu hoch für den Körper, doch niemand lachte.
Mit einem verbliebenen Rest an Würde: »Mit wem habe ich die Ehre?«
»Ach, wo bleiben denn meine Manieren, Grosche? Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt: Du kannst mich Boss nennen. Vielleicht gehen wir in dein Büro.« Letzteres klang ungeachtet des ›vielleicht‹ nicht wie eine Frage. Er drehte sich in die korrekte Richtung, obwohl der Eingang unauffällig gestaltet leicht zu übersehen war. Woher hatte er nur die Infos? Dann erinnerte sie sich, dass sie einen der Männer vor wenigen Tagen kurz gesehen hatte, offenbar der Späher.
Doch das ultimative Sahnehäubchen kam noch: Der sich als Boss vorgestellt hatte, holte einen Schlüssel-Chip aus der Tasche, drückte ihn gegen das elektronische Schloss und ihre gesichert geglaubte Bürotür öffnete sich ohne Probleme! Spätestens in diesem Moment erkannte sie, dass alles penibel von langer Hand vorbereitet war. Ihre Gedanken rasten: ›Wer hatte sie verraten?‹
In ihrem eigenen Büro nahm der Boss ohne Zögern ihren Platz hinter dem wuchtigen Schreibtisch ein. »Du darfst dich setzen«, fügte er gönnerhaft mit seiner Fistelstimme hinzu.
Wohl oder übel hockte sie sich auf den Besucherstuhl.
»Du hast exakt zwei Möglichkeiten: Mitspielen oder aus dem Spiel ausscheiden. Deine Wahl. Noch Fragen?«
»Das kommt alles ein wenig plötzlich«, versuchte sie, etwas Zeit zu gewinnen.
»Ok, ich gebe dir bis Morgen um dieselbe Stunde Bedenkzeit. Bin ja kein Unmensch. Dann komme ich noch mal wieder und will deine endgültige Entscheidung.«
»Ich gebe zu, dass ich damit bisher noch keine Erfahrung hatte. Hast du einen Ratschlag für mich?«
»Duzen? Seit wann haben wir zusammen den Dönerspieß gedreht?«
»Oh, Entschuldigung. Das zeigt doch nur mein Problem, Herr Boss.«
»Deine dilettantischen Versuche humorvoll rüberzukommen, kannst du dir sparen. Aber weil du so hübsch gefragt hast, kommst du mit einer Verwarnung davon – aber übertreib es nicht. Also zurück zu deinem Wunsch nach einem Ratschlag: Mitspielen in deiner Kategorie wird mit etwa zehn ›K‹ monatlich belohnt, plus Erfolgs-Boni, steuer- und abgabenfrei natürlich. Mit Ausscheiden hingegen meine ich eine ziemlich unauffällige, aber nichtsdestotrotz absolut endgültige Art des Ausscheidens. Eine, die nicht zurückgenommen werden kann, selbst wenn alle guten Willens wären. Auch wenn du zwar mitspielst, aber in meinen Augen Mist baust, scheidest du aus – ohne lästige Abmahnung und Papierkram. Muss ich deutlicher werden?«
»Nein, ich denke, ich habe es kapiert, Boss.« Das letzte Wort fühlte sich ungewöhnlich an. Seit sie aus dem Kinderheim geflohen war, war sie ihr eigener Herr gewesen. Besser sie gewöhnte sich an die neue Situation. Wenn sie eines nicht beabsichtigte, dann ›unauffällig endgültig auszuscheiden‹.
»Okay, Morgen um dieselbe Zeit und am selben Ort. Ach ja, sollte dir einfallen, ungefragt Urlaub zu nehmen, riskierst du, dass wir dich finden. Und so wird dein Ausscheiden für uns beide zu einem wahren Fest der Sinne. Ich als Zuschauer und du als Hauptdarstellerin.«
»Das wird nicht nötig sein, Boss. Ich bin dabei!«
Obwohl das unmöglich erschien, stieg seine Stimme noch eine Oktave höher: »Das ist schlau!«
»Boss?«
»Ja.«
»Darf ich eine Frage stellen?«
»Ja, aber du riskierst auch eine Antwort.«
»Äh, verstehe. Also: Wie sind Sie auf mich gekommen?«
Er überlegte einen Moment. »Wir haben eine neue Premiumkundin aus Arolsen ...«
»Bad Arolsen.« Sie schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund: »`tschuldigung Boss, das ist mir so rausgerutscht.«
»Pass auf, was du sagst, Grosche! Das ist wichtiger, als die Beiträge für die Lebensversicherung zu bezahlen. Darf ich vielleicht gnädigerweise fortfahren?«
»Äh, danke, sehr gern.«
»Also, die neue Premiumkundin hat sich bei der Firma eine beträchtliche Summe Geld geliehen, ich rede von einem deutlich mehr als siebenstelligen Betrag. Jetzt sind die Rückzahlungen fällig, und es mangelt ihr an Ernsthaftigkeit und Fantasie, ihren Kontostand auszugleichen. Da brauchen wir vor Ort jemanden, der dafür sorgt, dass wir jeden Cent unseres Geldes plus Kosten und Zinsen zurückerhalten. Denn in diesem Geschäft sind Kenntnisse der Verhältnisse so gut wie Bargeld.«
»Kenne ich die Dame?«
»Endlich eine praktische Frage.«
Seitdem tanzte sie nach der Pfeife der ›Fistel‹, der ›Stimmgabel auf Helium‹, egal ob Tango oder Walzer.
Fortsetzung von der linken Spalte:
POLINA PETROWA fuhr sich zum wiederholten Mal mit den Fingern durch die blondierten Haare. »Sitzt alles? Sehe ich gut aus?«
»Wunderbar, du siehst wunderbar aus.« Der Kameramann lächelte verschmitzt.
»Das Licht ist so grell.«
»Wir wollen dich doch in das rechte Licht setzen.« Er lachte und als er ihren verständnislosen Blick bemerkte: »Das rechte Licht, verstehst du? Ein Wortspiel: So rechts wie unsere Partei! Egal, Kamera läuft und Action direkt in unseren Streaming-Dienst.« Er zeigte mit beiden Zeigefingern auf Petrowa und nickte ihr auffordernd zu. »Millionen sehen dir live zu, ... aaab, jetzt!«
Die Frau drückte den Rücken durch und räusperte sich kurz: »Liebe Deutsche, willkommen auf dem Kanal ›Die Rechte Wahrheit‹, der abseits der staatlich kontrollierten Lügenpresse die wahre Wirklichkeit präsentiert. Ungeschminkt, unabhängig und nur dem deutschen Volke verpflichtet. Wir alle freuen uns auf das Viehmarkt. Aber ich sage euch, dieses Volksfest ist 2024 ein ganz besonderes – aber kein gutes. Die Geschichte wiederholt sich, man muss sie nur richtig zu deuten wissen. Es jährt sich der Jahrestag eines ganz besonders krassen Staatsversagens. Schon vor genau hundert Jahren war die Staatsmacht nicht in der Lage, die Deutschen vor Ihren wahren Feinden zu schützen. Nicht irgendwo in den verlotterten Metropolen der gar nicht goldenen Zwanziger, sondern hier, in unserer schönen Heimat Bad Arolsen! Ein honoriger Bürger und aufrechter Deutscher wurde ermordet, obwohl -und jetzt kommt es- die Polizei über die bedrohliche Lage informiert war. Und jetzt das Bedrückende: Es wird sich wiederholen. Ein wahrlich rechtschaffener Bürger hat alles in dem Buch ›Weckruf an den Freistaat Waldeck – oder wie uns amerikanischer Weltkapitalismus und sowjetischer Kommunismus beherrschen‹ niedergeschrieben und veröffentlicht. Doch die Behörden ignorierten seine Warnung und werden auch heute wieder nichts tun: Selbst in 2024 wird ein Mensch sterben, und der fremdgesteuerten und durchsifften Staatsmacht ist es mal wieder vollkommen egal. Vielleicht ist es Ihr Nachbar, vielleicht Ihr Kind. Deutsche, wehrt euch! Unterstützt uns in der gerechten Sache. Jede Summe auf unserem Spendenkonto ist willkommen. Die Nummer wird gerade unten eingeblendet. Nur wir garantieren Ihnen und allen Deutschen Recht und Ordnung.«
JOHANNA FENGLER kümmerte sich um die allererste Gruppe zu Viehmarkt. Eine Großfamilie wünschte eine Stadtführung schon in den Morgenstunden. Ihr war es recht. Seit sie nicht mehr für die Immobilienfirma arbeitete, hatte sie eine Menge Jobs ausprobieren müssen. Die Führungen für Touristen empfand sie als willkommene Abwechslung bei den eher wenig anspruchsvollen Tätigkeiten, die ihr sonst blieben. Seltsam: Heute zogen noch immer feuchte Nebelfetzen durch die Gassen, das London zahlreicher Filme ließ grüßen. »Wir gehen nun die Kaulbachstraße oder ehemals Kreuzgasse runter Richtung Hofbrauhaus. Nicht zu verwechseln mit Hofbräuhaus – das steht in München. In dieser Straße wohnten in der Gründungsphase im 18. Jahrhundert die Handwerker, Bauleute, Dienstmänner und -frauen, niedere Beamte und einfach alle, die die Residenzstadt errichteten und letztlich am Laufen hielten ...« Sie stockte mitten im Satz. Das, das konnte doch nicht sein, oder? Fassungslos starrte sie auf die seidig glänzende, pechschwarze Katze, die lautlos auf samtenen Pfoten wie gelangweilt ihren Weg kreuzte – von links nach rechts. Rasch schlug sie ein Kreuz und drehte sich dreimal um die eigene Achse. Ob das reichte? Verstörenderweise hatte sie diese Szene eben exakt so schon erlebt. Mit derselben hochmütigen Katze, deren Stirn eine schmale, vage blitzförmige Narbe aufwies: Kurz nachdem sie ihr Haus verlassen hatte. Der ikonische Akt aus dem Filmklassiker Matrix drängte in ihr Bewusstsein. Dort bezeichneten es die Protagonisten als ›Fehler in der Matrix‹. Ihre Gedanken überschlugen sich. Das verständnislose Gemurmel der Gruppe erreichte ihre Aufmerksamkeit erst nach einer ganzen Weile. Sie riss sich zusammen. »Äh, wo waren wir stehengeblieben?«
Große Augen, offener Mund, gerunzelte Stirn. Klar, die wussten nichts mit den Zeichen anzufangen. Jemand streute ein: »Sie erzählten gerade über die einfachen Leute, die hier wohnten.«
»Ah, jetzt, ja. Also ...« Fast verlor sie erneut den Faden. Dann übernahm wieder die langjährige Routine. »Seinerzeit waren die Gebäude alle eingeschossig. In der Schloßstraße hingegen, damals die Herrengasse, sozusagen die Champs Élysée von Arolsen, waren die Gebäude dem Stand der Herrschaften entsprechend zweigeschossig. In der Handwerkergasse sind die Häuser erst später aufgestockt worden.« Ihre Füße trotteten automatisch weiter über das Pflaster. Die Gruppe folgte ihr wie eine Ziehharmonika und schaute sich neugierig nach allen Seiten um.
»Bitte meine Damen und Herren, wenn Sie mir folgen wollen.«
Jetzt standen sie auf dem Lagerplatz der inzwischen abgerissenen Produktionshalle der Residenzbrauerei: »Diese Brauerei wurde bereits 1131 in einer Stiftungsurkunde der Gepa von Itter erwähnt. Sie spendete ein kleines Gehöft zur Versorgung eines noch zu gründenden Nonnenstifts, der Legende zufolge namens Haroldeshusen. Damit ist sie eine der ältesten beurkundeten Brauereien der Welt.«
Ein anerkennendes Raunen erfasste die Gruppe. Ein Besucher mit einem spärlichen Haarkranz zog die Stirn kraus: »Ich sehe keine Brauerei.«
»Oh, selbstverständlich, ich vergaß: 2016 wurde das inzwischen völlig veraltete Betriebsgebäude aus den Siebzigern komplett niedergelegt. An genau dieser Stelle«, sie zeigte auf eine Baugrube, »soll ein neuer Biergarten entstehen. Die modernen Produktionsanlagen sollen von hier aus hinter dem historischen Hofbrauhaus entstehen.« Sie wies Richtung Norden.
»Ah«, stieß die skeptische Stirnglatze aus. Dann schüttelte der Mann den Kopf: »Das Gebäude erscheint mir aber jünger als elfhundert sowieso.«
Besserwisser. »Da haben Sie vollkommen recht«, säuselte sie. »Dieses Gebäude ist erst später zusammen mit der neuen Residenzstadt ...« Weiter kam sie nicht. Déjà vu, das Dritte: Die schwarze Katze mit der Blitznarbe strich über den Platz. Wie konnte das Tier schon wieder von links nach rechts ihren Weg queren? Es musste in der Zwischenzeit die Seiten gewechselt haben, oder? Aber hätte sie das nicht gesehen? Zufall? Wohl kaum! Die Hand umklammerte ihren Glücksbringer an der Halskette. Entsetzt folgten ihre Augen dem eleganten Raubtier, wie es in Richtung der hoch gestapelten Bierkisten und Fässer stolzierte und in den Nebelschleiern wieder verschwand. Fengler meinte, einen menschlichen Umriss in einem Gang zu erkennen. Genau neben einer angelehnten Leiter. War das nicht der stadtbekannte Henner Hundertmark, der sie eben in der Kaulbachstraße mit seinem Protzpanzer überholt hatte? Sie seufzte. Der hatte es gut! Von Beruf aus Sohn. Arbeiten? Fehlanzeige: Der verwaltete nur die vererbten Immobilien und Wertpapiere. Aber die Leiter: Ahnungsloser! Jeder wusste doch, dass damit das Unglück eingeladen wurde. Bestimmt!
»Was ist denn heutzutage mit dem Bier? Wo wird es denn jetzt gebraut?« Der Skeptiker und Besserwisser in Personalunion holte sie zurück aus ihrem düsteren Gedankenraum.
Doch bevor sie ihm antworten konnte, entfuhr ihrem Mund nur ein entsetztes »Nein!«
Von der Spitze eines Stapels sauste ein metallen schimmerndes Bierfass herunter, direkt auf die arglose Gestalt darunter. Gleichzeitig glaubte sie, einen dunklen Schatten wahrzunehmen, der zurückzuckte.
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WIL WAGNER klapperte mit den Stricknadeln mit »Atemlos, durch die Nacht« von Radio Hochsauerland um die Wette. Nur noch wenige Reihen, und er hatte das Rückenteil des wollig-warmen Pullovers für seine Ehefrau fertig. Der Frau, die lieber in Offenbach geblieben war, als mit ihm ins beschauliche Hessisch-Sibirien zu ziehen. Sie brauchte weiterhin etwas Bedenkzeit. Diese Zeit währte bis zum heutigen Tag – obwohl inzwischen zig Jahre und unzählige Liter das Kuhbach runtergeflossen waren! Beide hatten sich mit der Situation arrangiert. Nicht zum ersten Mal entglitten seine Gedanken ins Bodenlose, und so brauchte es eine Weile, bis der Signalton seines Smartphones ins Bewusstsein vordrang.
»Ja?«
»Hallo Wil! Endlich erreiche ich jemand. Mann, bin ich froh. Hier ist Efrem, Efrem Talay, Polizeistation Arolsen.«
»Arolsen? Ich dachte du arbeitest in Frankenberg.«
»Neulich versetzt. Wegen der Beförderung.«
»Verstehe. Was liegt an?«
»Tja, wir haben eine Leiche.«
»Tja«, ahmte er den charakteristischen Tonfall seines Kollegen nach. »Das ist jetzt aber schade: Ich feiere meine unzähligen Überstunden ab.«
»Verstehe, doch hier ist bald Viehmarkt und alle sind unterwegs.«
Typisch. Das hätte er sich denken können. »Arolsen Kernstadt?«
»Ja, natürlich ausgerechnet in der aufgebrezelten Residenzstadt. Auf dem Lagerplatz der alten Residenzbrauerei.«
»Schon identifiziert?«
»Ja. Er hatte seinen Führerschein dabei. Hätte es aber nicht bedurft: Es ist eindeutig Heinrich Hundertmark, genannt Euro-Henner, du weißt schon ...«
»Klar, der Waldecker Geschäftsmann des Jahres«, ergänzte Wil. »Wie?«
»Wie soll ich mich ausdrücken: Dem ist seine Investition zu Kopf gestiegen.«
»Was?«
»´tschuldige, Stresshumor. Dem ist ein Bierfass aus heiterem Himmel auf den Kopf gestürzt. Sofort tot, wie der Notarzt bereits festgestellt hat. Die Fraktur der geborstenen Schädeldecke konnte selbst ein Laie erkennen.«
»Fässer, die aus allen Wolken fallen? Egal: Hört sich nach Unfall an.«
»Oberflächlich betrachtet schon, aber eine Zeugin glaubt, vielleicht unter Umständen, möglicherweise eventuell jemand oder zumindest irgendetwas in den Nebelschwaden gesehen zu haben.«
»Das sind viele Konjunktive in einem einzelnen Satz, findest du nicht?« Wil schaute aus dem Fenster. »Wegen des ungewöhnlichen Nebels? Moment, verstehe, du glaubst ihr nicht!«
»Mein Glaube ist wie immer nur von akademischem Interesse. Die Strutwolf hat bereits entschieden, dass sich die KriPo drum zu kümmern hat.«
»Unsere allseits geliebte Chefin im fernen Kassel glaubt der Zeugin?«
»Nein, ich denke, dass die nur gegenwärtig wegen Viehmarkt kaum mehr Leute von der Schutzpolizei entbehren kann.«
»Verstehe«, seufzte Wil. »Das ist natürlich voll schön für euch, wenn auch nur fast für mich. Schon unterwegs.«